
Wenn Judith lächelt, spürt man sofort: Hier sitzt jemand, der angekommen ist. In ihrem Beruf, in ihrer Familie – und bei sich selbst. Seit dem Jahr 2000 arbeitet sie bei TUI fly auf der Station Frankfurt. „Das ist mein Traumjob“, sagt sie ohne Zögern. Und gleich danach fügt sie hinzu: „Und natürlich der Gesang.“ Denn Judiths Leben bewegt sich seit jeher zwischen zwei Leidenschaften – dem Fliegen und der Musik.
Dabei begann alles ganz anders. Nach dem Fachabitur bewarb sich Judith eher aus einer Laune heraus für ein Stipendium in Los Angeles, um Jazz-Gesang zu studieren. Ihr damaliger Freund lebte bereits dort, und sie wollte raus aus ihrem ländlichen Heimatort, rein ins Abenteuer. „Ich dachte: Warum eigentlich nicht?“ Es klappte. Fast drei Jahre verbrachte sie in Kalifornien und studierte an der LAMA, der Los Angeles Music Academy (heute LACM, Los Angeles College of Music). Doch dann kam das Aus: keine weitere Aufenthaltsgenehmigung. Mit 22 Jahren ging es zurück nach Deutschland, wo sie jobbte, Gesangsunterricht gab und versuchte, mit Musik ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Eigentlich wusste Judith doch ziemlich genau, was sie wollte: „Einen Arbeitsplatz mit gutem Verdienst und viel Freizeit, um weiter Musik zu machen.“ Ein Zufall – oder Schicksal – half nach: Sie traf eine Flugbegleiterin der Lufthansa, die ihr sagte: „Du musst in die Fliegerei.“ Gesagt, getan. Mit 23 bewarb sich Judith bei der damaligen Hapag-Lloyd Flug. Heute fliegt sie noch immer – mit „ganz viel Spaß und Leidenschaft“ – bei der TUI fly. Bereits 2005 wurde sie Kabinenchefin.
Auf der Station Frankfurt kennt und schätzt man sie. Nicht zuletzt, weil Judith auch dort ihre Stimme erklingen ließ – etwa bei Weihnachtsfeiern für Kolleginnen und Kollegen. „Singen war immer da“, sagt sie. Und das ist bis heute so.
2008 heiratete Judith und bekam nach und nach ihre vier Jungs – zuletzt sogar Zwillinge. Der Älteste ist heute 17 und macht bereits eine Ausbildung, der Mittlere 15, die Zwillinge sind 12 Jahre alt. Um genügend Zeit für ihre Kinder und die Musik zu haben, arbeitet Judith inzwischen Teilzeit. Von ihrem Mann ist sie getrennt, doch das Verhältnis ist gut. „Wir wohnen ein Dorf auseinander und ziehen an einem Strang für unsere Jungs.“
Judith ist ihrer Heimat treu geblieben. Sie lebt in einem kleinen Ort, etwa eine Stunde vom Frankfurter Flughafen entfernt. Die Fahrzeit nimmt sie bewusst in Kauf. „Ich fühle mich hier wohl. Und ich möchte, dass meine Kinder ländlich aufwachsen – mit Familie, Freunden und viel Nähe. Hier sind meine Wurzeln“. Zu Hause ist immer etwas los, die Familie hält zusammen. Zwei Hunde und eine Katze komplettieren den lebhaften Fünf-Personen-Haushalt.
Auch musikalisch blieb Judith immer in Bewegung. Neben der Fliegerei spielte sie in der einen oder anderen Band. Musik gehört für sie ganz selbstverständlich zum Familienleben – ihre Jungs spielten Schlagzeug oder Gitarre, sangen mit ihr. Einer der Zwillinge ist heute der größte Fan ihrer aktuellen Band: Junkyard Queens. Wann immer möglich, ist er bei den Proben und Auftritten dabei.
Die fünfköpfige Formation wurde von Judiths bestem Freund Chris gegründet. „Ich habe ihm vor vielen Jahren das Gitarre spielen beigebracht“, erzählt sie lachend. „Heute spielt er besser als ich.“ Die Band macht energiegeladenen „Action Rock“, probt einmal pro Woche – stilecht im umgebauten ehemaligen Kuhstall von Chris – und tritt regelmäßig auf: bei Festivals, Geburtstagen und bald sogar auf einer kleinen Mini-Tour mit einer internationalen und in der Szene bekannten Band aus den USA. Judith steht am Mikrofon, die vier Männer an Schlagzeug, Bass und Gitarre. Leidenschaft inklusive.
Und wenn Judith einmal komplett abschalten will? Dann steigt sie auf ihre Harley Davidson und fährt durch den Westerwald. Fahrtwind, Freiheit, Gedanken sortieren.
Judiths Geschichte zeigt: Es ist möglich, Träume zu verbinden – auch wenn der Weg nicht immer gerade verläuft. Manchmal führt er über Los Angeles zurück nach Hause, über die Wolken auf die Bühne. Und manchmal genau dorthin, wo man immer sein wollte.