Interview mit Mirjam Chlouba | TUI Group – Einer der weltweit führenden Touristikkonzerne
Interview mit Mirjam Chlouba: "Wir holen alle Gäste nach Hause"
16. Juni 2026
Public Policy
Februar 2026: Nach Beginn des Iran-Konflikts sperrt die Golfregion ihren Luftraum. Tausende TUI Gäste sitzen fest. Mirjam Chlouba leitet den TUI Krisenstab in Hannover. Ein Gespräch über Lagebilder, Luftbrücken und den Wert der Pauschalreise.
Frau Chlouba, der 28. Februar 2026: Wann haben Sie gemerkt, dass das hier ein Fall für den Krisenstab wird? Der erste Anruf kam früh am Samstagmorgen aus Israel. Wir hatten dort Gäste, es gab Luftalarm. Wir haben sie über die Landgrenze nach Ägypten gebracht. Innerhalb weniger Stunden war dann auch der gesamte Luftraum der Golfregion gesperrt.
Tatsächlich standen die großen Drehkreuze in Dubai und Abu Dhabi komplett still, da ging gar nichts. Wir wussten aber, dass es in Al-Ain, rund 130 Kilometer von Dubai entfernt, einen kleinen Wüstenairport gibt: ein Terminal, ein Gepäckband, ein Kiosk. Dorthin haben wir eigene Flugzeuge fliegen lassen: leer rein, voll mit Gästen wieder raus nach Kreta. Von dort konnten wir die Gäste mit regulären Flügen in ihre Heimat befördern. Der organisatorische Aufwand war enorm.
Dennoch konnte TUI Gäste aus der Golfregion ausfliegen. Wie war das möglich?
Wie lief das mit den Fluggenehmigungen? Jeder einzelne Flug brauchte angesichts der allgemeinen Luftraumsperrung eine Sondergenehmigung. Und da wir auch in Großbritannien registrierte Flugzeuge eingesetzt haben, mussten wir vorab die Erlaubnis einholen, damit innerhalb der EU zu landen. Am Ende greift in so einer Operation alles ineinander: Airline, Security, Reiseleitung vor Ort, die Hotels, die unseren Gästen Lunchpakete für den kleinen Flughafen mitgegeben haben. Ohne dieses Zusammenspiel hätten wir die Menschen nicht in diesem Tempo nach Hause gebracht. In diesem Zusammenspiel liegt die Stärke der TUI.
Auch zwei Kreuzfahrtschiffe der TUI waren in der Region. Zwei Kreuzfahrtschiffe unserer Mein Schiff Flotte waren zum Zeitpunkt des Beginns der Auseinandersetzungen in der Region. Auch hier war unsere oberste Priorität, die rund 5.000 Gäste so schnell es ging auszufliegen, bis zum 17. März hat es geklappt. Die Schiffe selbst sind danach mit einer kleinen Besatzung in der Region geblieben, weil die Straße von Hormus nicht passierbar war. Erst als sich am 18. April ein Sicherheitsfenster öffnete, haben sie die Region verlassen – in enger Abstimmung mit den Behörden.
Eine solche Operation kostet. Wer zahlt das? In einer Krise vervielfachen sich die Preise – für Charterflüge ebenso wie für Hotelübernachtungen. Wir tragen den Großteil dieser Kosten. Auch wenn die gesetzliche Verpflichtung zur Hotelkostenübernahme nur wenige Tagen greift: Wir haben als TUI in einer Krisensituation einem Gast noch nie eine Rechnung gestellt. Darauf können sich unsere Gäste verlassen.
Warum hat TUI nicht bereits im Vorfeld Reisen in die Region abgesagt? Mein Team und ich beobachten die Sicherheitslagen in unseren Destinationen rund um die Uhr. Maßgebliche rechtliche Richtschnur sind die Reisewarnungen des Auswärtigen Amts – insbesondere für Stornierungen, die im Pauschalreiserecht eng geregelt sind. In diesem Fall kam die Reisewarnung erst am 28. Februar gegen 18:30 Uhr – da waren die Luftschläge bereits in vollem Gange. Unser Krisenstab arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits unter Hochdruck.
Krisen werden mehr, nicht weniger. Was bedeutet das für Sie und Ihr Team? In zwanzig Jahren habe ich fünf rote Lagen erlebt – Aschewolke, Corona, große Streikwellen, jetzt die Golfregion. Die Frequenz nimmt zu. Wir investieren laufend in Personal, Systeme und Schulungen. Krisenmanagement ist heute keine Ausnahmesituation mehr, sondern zentrale Kompetenz im globalen Reisegeschäft. Das sollte auch politisch anerkannt werden – beim Verbraucherschutz und bei der Stärkung der Pauschalreise als verlässliche Reiseform.
Die Krisenmanagerin
Mirjam Chlouba ist Director Crisis Management GAS bei TUI Deutschland und leitet seit 2021 den Krisenstab. Sie hat im Konzern 1998 in der Notfallbetreuung bei der Marke 1-2-Fly begonnen, gehört dem Konzernkrisenstab seit 2004 an und steuert seither Lagen von der Aschewolke 2010 über die Corona-Pandemie bis zur Golfregion 2026.
Der TUI Krisenstab
Die allein in Deutschland 15 Mitarbeitenden des TUI Krisenmanagements und der TUI Operations überwachen alle weltweiten Reiseziele – rund um die Uhr. Jedes Ereignis – seien es Verkehrsunfälle, Naturkatastrophen oder politische Krisen – wird nach einem Ampelsystem von Grün bis Rot klassifiziert. In schwerwiegenden Gefährdungslagen werden der TUI Krisenstab GAS mit rund 40 Mitarbeitenden sowie konzernweit Kolleginnen und Kollegen aus Airline, Hotels, Reiseleitung, IT, Recht und Kommunikation systematisch in das Krisenmanagement hinzugeschaltet. In der Krise im Nahen Osten mit Alarmstufe Rot waren Tausende TUI Mitarbeitende im Einsatz.
Eckpunkte zur Krisenreaktion am 28. Februar
08:00 Uhr Alarmierung über Luftschläge gegen den Iran – TUI organisiert für Gäste in Israel Ausreisen über den Landweg 08:30 Uhr Info über Luftraumsperrungen in der Golfregion – TUI ermöglicht gebührenfreie Stornierungen in die betroffenen Gebiete 11:00 Uhr Ermittlung der Gästezahlen – etwa 10.000 Gäste der TUI Group sind allein in der Golfregion betroffen 13:00 Uhr 1. Krisensitzung des TUI Krisenstabs GAS – erste Infos an Gäste vor Ort – TUI sagt Reisen für die betroffenen Staaten aktiv ab – erste TUI Gäste, insbesondere aus Fernost, die am Golf umsteigen sollten, werden auf andere Flugstrecken umgebucht 18:00 Uhr Staatliche Reisewarnungen für alle betroffenen Staaten wurden ausgesprochen – TUI prüft Rückbeförderungsmöglichkeiten
"Heute Nacht haben wir einen weiteren wichtigen Meilenstein erreicht, um zusätzliche Flugverbindungen für unsere Pauschalreisegäste zu organisieren. Von einem kleineren Abflughafen Al-Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus konnten wir mit unseren Mittelstreckenflugzeugen eine Verbindung über Heraklion nach Hannover realisieren. Mein besonderer Dank gilt den Kolleginnen und Kollegen aus allen fünf Landesfluggesellschaften, die gemeinsam für TUI Airline die notwendigen Sicherheitschecks durchgeführt und anschließend in enger Abstimmung mit den zuständigen Behörden die Flugplanung ermöglicht haben. Gleichzeitig danken wir unseren Gästen für ihre Geduld und ihr Verständnis während der Rückreise."