2. Februar 2017

TUI Cruises CEO Wybcke Meier im Interview

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Am Hamburger Hauptsitz von TUI Cruises – einem maritimen Glasbau, der sich über ein Hochwasser­bassin spannt – taucht man schnell ein in die Welt der Seereisenden: Auf einem Bildschirm über der Réception werden Werbefilme der Mein Schiff-Flotte eingespielt, an der Wand dokumentie­ren Daten die junge Firmengeschichte – von der Einweihung der Mein Schiff 1 2009 bis zu jener der Mein Schiff 5 im Jahr 2016. Dann gehts auch schon ins CEO-Büro: Ein bärtiger Mann bringt einen Kaffee, stellt ihn seiner Chefin hin und verschwindet. Wybcke Meier, 47, gebürtige Helgoländerin und seit 2014 an der Spitze von TUI Cruises, bedankt sich norddeutsch-nüchtern, schlägt die Beine übereinander, lehnt sich im Stuhl zurück und wirkt nun entspannt. Für Gäste nimmt sie sich gerne Zeit.

Frau Meier, hat es mehr Vor- oder mehr Nachteile, als Frau ein Schifffahrtsunternehmen zu leiten?

Weder noch. Das Geschlecht spielt kei­ne Rolle. Dass wir Frauen überhaupt so oft darüber reden, zeigt vor allem eines: Dass wir uns schwerer tun mit dem Thema als die Männer! Hier im Hambur­ger Hafen sind bestimmte Runden viel­leicht noch männerdominiert, in der internationalen Kreuzfahrt gibt es aber viele Frauen in Führungspositionen.

Sie wuchsen auf der kleinen Nordseeinsel Helgoland auf. Wird einem da ein gewisses Faible fürs Meer und die Schifffahrt in die Wiege gelegt?

Mit Sicherheit war ich schon als Kind eine Wasserratte – und schwimme noch heute gerne, allerdings lieber in wärme­ren Gewässern. Was die Schifffahrt an­belangt: Den Weg von Helgoland zu mei­nen Grosseltern in Cuxhaven habe ich als Kind gehasst. Ich war nämlich furchtbar seekrank!

Und heute sind Sie das nicht mehr?

Offenbar kann sich so was auswachsen! Als ich später für einen türkischen Reiseveranstalter Bootstouren begleitet habe, wurde mir jedenfalls nie schlecht.

Sie haben Ihre Karriere als Reiseleiterin am Ballermann gestartet. Ein ziemlicher Hardcore-Einstieg …

Stimmt. Und das mit 19. Die Branche hatte mich immer fasziniert: Meine El­tern hatten eine Bäckerei auf Helgo­land, immer im Herbst, nach der Haupt­saison, machten wir Ferien irgendwo an der Wärme. Ich fand Reisen toll, zudem liebte ich Sprachen. Und dann kam ich an die Playa de Palma … Was mich am meisten ärgerte: dass ich nun jenen recht geben musste, die gesagt hatten, der Reiseleiter-Job sei nicht so, wie ich ihn mir vorstelle. Zum Glück war ich Teil eines Teams, das mir dann auch die schönen Seiten Mallorcas zeigte.

Sie haben sich in diversen Reiseunter­nehmen hochgearbeitet, führten zuletzt einen Tailor-made Travel-Service im Luxussegment. Wussten Sie sofort, dass Kreuzfahrt Ihr Ding ist, als 2014 das Jobangebot von TUI Cruises kam?

Na ja, bis Ende der Neunziger gehörte ich eher zu jenen Menschen, die Kreuz­fahrten skeptisch gegenüberstanden. Vieles war mir zu bunt oder zu steif. Das änderte sich aber 2009, als mein Vorgän­ger Richard Vogel mich zur Taufe der Mein Schiff 1 einlud. Hier würde ich auch mitfahren, sagte ich sofort. Das Design war zurückgenommen, man konnte sich in schöne Kabinen zurück­ziehen. Das Konzept überzeugte mich.

Und nun wird diesen Juni bereits die „Mein Schiff 6“ eingeweiht. Wie viele Kreuzer sind noch geplant?

Im 2018 und 2019 kommen zwei weitere hinzu, die allerdings die Mein Schiff 1 und Mein Schiff 2 ersetzen. Wir blei­ben also bei sechs Schiffen, streben damit einen Marktanteil von 25 bis 30 Prozent bei den rund zwei Millionen Kreuzfahrerinnen und Kreuzfahrern auf dem deutschsprachigen Markt an. Wir trauen uns durchaus auch mehr zu, möchten aber unbedingt unsere Positionierung im Premium-Segment halten.

Was können Sie über Ihre neuen schwimmenden Hotels verraten?

Die Mein Schiff 6 wird ähnlich wie die Mein Schiff 5. Wir haben aber ver­sucht, Räume multifunktionaler zu nut­zen: Die Abtanzbar etwa wird umfunktioniert zum Escape-Room, in dem man Rätsel lösen muss, um hinauszugelangen. Zudem setzen wir in den Restaurants vermehrt auf Service am Platz. Und: Die Bewegungsbereiche werden ausgebaut, der Sports-Court überdacht. Die neuen Mein Schiff 1 und Mein Schiff 2 wer­den etwa 20 Meter länger. Das Platzver­hältnis von 40 Quadratmetern pro Person bleibt, es können aber 300 Passagiere mehr mitreisen. Und wir befriedigen mit einem neuen Suiten-Bereich die grosse Nachfrage nach den immer zuerst ausgebuchten Himmel & Meer-Suiten.

Wie lange im Voraus sollte man denn eine Kreuzfahrt bei TUI Cruises buchen?

Kommt auf die Route und die Saison an. Im Schnitt buchen die Leute neun Mo­nate vor Reiseantritt, den Verkauf eröff­nen wir zwei Jahre im Voraus. Event- Kreuzfahrten – neu die Rainbow und die World Club Cruise – sind oft innert Kür­ze ausverkauft. Die Full Metal Cruise zum Beispiel schon nach 20 Minuten!

Spielen die Destinationen eine Rolle?

Oh ja! Mit steigender Kreuzfahrterfah­rung – etwa 40 Prozent unserer Gäste sind ja Wiederholungstäter – wird sich das vielleicht mal ändern. Aber im Moment will man immer Neues sehen.

Wird Ihre Flotte überall mit offenen Armen empfangen? In Venedig zum Beispiel scheint der Unmut über die Kreuzfahrtschiffe zu wachsen.

Wir hatten noch nie Probleme. Venedig muss man nicht unbedingt mit grossen Kreuzfahrtschiffen anlaufen, also tun wir das auch nicht. Das ist meine ganz persönliche Überzeugung.

Viele Orte beklagen sich auch über die „Überschwemmung“ durch Kreuzfahrt­passagiere, die wenig konsumieren.

Das ist ein Trugschluss. Unsere Gäste sind sehr ausgabefreudig. Anders als in vielen Klubhotels buchen sie Ausflüge und kaufen sich etwas an Land. Das müssen wir sowohl den Tourismusfach­leuten vor Ort besser kommunizieren als auch den Einwohnern. Wir Anbieter und die Häfen haben insgesamt noch Poten­zial zur Abstimmung und Information: Wir müssen etwa kucken, dass nicht vier grosse Schiffe gleichzeitig Mykonos anlaufen und sich dann 200 000 Leute durch die Altstadt walzen. Das ist ein Negativerlebnis für alle Beteiligten.

Ein viel diskutiertes Problem ist auch die Umweltverschmutzung. Ihr Konkurrent AIDA fährt neu mit ökologi­scherem Flüssiggas.

Die Aida Prima, das neuste der elf Aida-Schiffe, verfügt über einen Dual- Fuel-Motor, der sowohl mit herkömmli­chem Treibstoff betrieben werden kann als auch mit Flüssiggas. In Hafenzeiten kann das Schiff so auch durch Flüssig­gas versorgt werden. Das ist ein guter Ansatz. Wir haben eine etwas andere Strategie – und setzen auf Scrubber, die das Abgas waschen und in sensiblen Gewässern sogar closed loop fahren, also die Schmutzpartikel für die Entsor­gung an Land sammeln. Und wir freuen uns auf 2019, dann werden wir nicht nur die jüngste, sondern auch eine der um­weltfreundlichsten Flotten sein.

Denken Sie, das Kreuzfahrtbusiness wird auch dann noch boomen?

Ja. Bis 2021/2022 rechnen wir mit drei Millionen Kunden im deutschsprachigen Raum. Bald hat die Kreuzfahrtindustrie für jedes Alter, jeden Geschmack und je­den Geldbeutel ein Schiff im Angebot. Und wie viele Schweizer reisen mit? Bei uns sind es aktuell knapp zehn Prozent. Da gibts Luft nach oben, und wir sind gerade dabei, die Schweizer mit neuen Startdestinationen und Flugpackages noch besser abzuholen.

Wie oft reisen Sie selbst noch mit Ihren Schiffen um die Welt?

So oft ich kann! Meist sind es geschäft­liche Trips, aber ich fühle mich auch pri­vat sehr wohl an Bord. Nachts, wenn die meisten im Bett sind, gehe ich dann nochmal an Deck und lass mir den Wind um die Nase wehen. Das ist wohl der Helgoland-Effekt.